Schmerz und Alter –
Besonderheiten des Schmerztherapiemanagements beim Älteren
Je
älter die Menschen werden , um so häufiger haben sie mehr oder weniger ausgeprägte
Schmerzen unterschiedlichster Lokalisation. Dies beruht darauf, daß Gleichgewichte, die zur Aufrechterhaltung
einwandfreier Organfunktionen erforderlich sind, durch altersspezifische
Veränderungen verschoben werden. Wird den Folgen dieser Veränderungen nicht
frühzeitig begegnet, entwickeln sich Fehlfunktionen, die nach einer gewissen
„Einwirkungszeit“ das Alarmsystem Schmerz generieren. Die tägliche Beobachtung
zeigt, daß es schließlich kaum noch alte Menschen gibt, die gänzlich
schmerzfrei sind. Gagliese und Melzack identifizierten 1997 etwa
60 – 80 % der
60
– 90-jährigen als chronische Schmerzpatienten.
Alle,
die sich mit diesen Patienten beschäftigen, müssen sich darüber klar sein, daß
chronischer Schmerz gleichbedeutend mit dem Versagen der Akutschmerztherapie
ist. Dann verliert der Schmerz seine eigentliche Funktion als Warnsignal und entwickelt
sich zu einem eigenständigen Krankheitsbild. Das von Gerbershagen entwickelte
Mainzer Stadienkonzept benutzt zur Definition die klinische Entwicklung der
Schmerzchronifizierung. Es berücksichtigt zeitliche Aspekte (Wann tritt der
Schmerz auf?), räumliche Zuordnungen (wo sind die Schmerzen?), das
Medikamenteneinnahmeverhalten des Patienten und schließlich die Patientenkarriere.
Wenn
Nervenzellen längere Zeit ununterbrochen gereizt werden, stellen sich aber auch
organische Veränderungen ein. Es konnte gezeigt werden, daß sich die Projektionsneurone
im Hinterhorn des Rückenmarkes im Sinne neuronaler Plastizität verändern.
Nervenzellen haben demnach ein Gedächtnis für anhaltende Reize, auch wenn sie
bereits einige Zeit zurückliegen. Ähnliche Veränderungen konnten auch im
Hirnstamm und im Thalamus beobachtet werden, die in Verbindung mit dem limbischen
System Schmerzen verarbeiten. Ist es erst einmal soweit gekommen, sind Schmerzen
nur noch schwer zu beeinflussen.
Der
ältere Mensch zeigt eine deutliche Zunahme der Häufigkeit bestimmter schmerzhafter
Erkrankungen oder Störungen. Ganz im Vordergrund der Schmerzauslöser stehen die
degenerativen Erkrankungen des Bewegungsapparates. Schmerzen durch
Gefässkrankheiten, neuropathische Schmerzen aber auch Schmerzen als Ausdruck
depressiver Erkrankungen sind nicht selten.
Das
Schmerzmanagement beim älteren Patienten muß altersassoziierte Besonderheiten
berücksichtigen. Die Schmerzwahrnehmung und das Schmerzerleben der PatientInnen,
die Schmerzpräsentation und die Reaktion auf Therapien sind verändert.
·
Muskelatrophie
·
Knochenatrophie
·
Schleimhautatrophie
·
Erhöhter Anteil von
Körperfett
·
Verminderter Anteil
von Körperwasser
·
Verminderte Anzahl
von Nephronen
·
Abnahme funktionsfähiger
Nervenzellen
·
Abnahme elastischer
Fasern
·
Abnahme von
Plasmaproteinen
Schmerzwahrnehmung
entsteht dann, wenn der nozizeptive Reiz im nozizeptiven System verarbeitet
wird. Schmerzwahrnehmung ist ein subjektives Erleben, welches im Alter durch
altersphysiologische Veränderungen beeinflusst wird. Dazu kommen Veränderungen
der Funktionalität beispielsweise durch die Verminderung von Muskelmasse und
Gewebselastizität. Kognitive Veränderungen wie verlangsamte Informationsaufnahme
und – Verarbeitung beeinflussen das Schmerzerleben ebenso wie psychische
Altersprobleme. Die Neigung zur Depression, ein negatives Altersbild
(Defizitmodell) und das häufig vorhandene Misstrauen können in der Schmerzwahrnehmung
und –Verarbeitung eine große Rolle spielen.
Es
sollte unbedingt vermieden werden bei älteren Patienten von einem „Nachlassen
des Organschmerzes“ zu sprechen – auch der Autor musste hier dazulernen. Es ist
nicht möglich, individuelles leidvolles Erleben von außen zu beurteilen.
Folglich ist der Versuch, Schmerzen anderer Menschen zu werten vor allem
überheblich. Zielführender ist es, die Faktoren zu kennen, die
Schmerzwahrnehmung und Schmerz-erleben beeinflussen und diese gegebenenfalls zu
behandeln.
·
Veränderung des
Organschmerzes
·
Underreporting of
pain
·
Symptomenwandel
·
Multimorbidität
·
Verändertes Sensorium
·
Störung der
Kommunikation und Lernfähigkeit durch kognitive Einschränkungen
·
Protrahiertes
Schmerzerleben durch Depression und Vereinsamung
Die
Multimorbidität stellt ein zentrales Problem beim älteren Schmerzpatienten dar.
Sie erschwert als ständig vorhandener Einfluß auf die Körperfunktionen des
geriatrischen Patienten einerseits die Diagnostik und andererseits die
therapeutischen Möglichkeiten. Sie mindert die Belastbarkeit und Stabilität des
Patienten nachhaltig. Vor allem aber ist sie der Hauptgrund dafür, daß es beim
älteren Schmerzpatienten häufig nicht gelingt, einen kausalen Zusammenhang
zwischen Schmerz Auslöser herzustellen..
Beim betagten Patienten kommt es zu einer Veränderung des Organschmerzes. Diese alterstypische Veränderung beruht einerseits auf der allmählichen Abnahme nozizeptiver Strukturen am Ort der Schmerzentstehung, andererseits auf der Verminderung der zentralen Präsenz der unterschiedlichen Schmerzverarbeitungszentren des Gehirns. Auch die sinkende Nervenleitgeschwindigkeit trägt zu diesem Phänomen bei. Verstärkt werden die Schäden dann durch die Folgen chronischer Erkrankungen, wie beispielsweise des Diabetes mellitus .
Fatal ist diese Veränderung des Sensoriums auch deshalb, weil der Akutschmerz als Warnsignal nicht mehr im vollen Umfang funktioniert. Das führt soweit, daß selbst Frakturen nicht sofort registriert werden. So verschleppen ältere Patienten behandelbare Störungen oft über Monate und Jahre, solange, bis funktionell therapeutisch kaum noch Einfluß genommen werden kann. Auch der dann folgende chronische Schmerz wird oft nur vermindert präsentiert und vom behandelnden Arzt deshalb als weniger behandlungsbedürftig eingestuft.
Das sogenannte „Underreporting of pain“ beruht primär wohl auf der bei Älteren verbreiteten Meinung, daß Schmerzen eben zum Alter gehörten (Defizitmodell) und folglich ertragen werden müssten. Deshalb erzählen sie diese zwar ihren Nachbarn, nicht aber ihrem Arzt.
In
enger Beziehung zu diesem Nachlassen des Organschmerzes steht das Phänomen des
Symptomenwandels. Dabei handelt es sich um eine nicht adäquate, wenn nicht
sogar fehlerhafte Reizantwort. So empfinden die Patienten mit zunehmendem Alter
häufig nicht mehr den Schmerz als krankhaft, sondern diffusere sekundäre
Symptome wie Schlaflosigkeit, häufige Übelkeit, nächtliches Schwitzen,
allgemeinen körperlichen Abbau und ähnliches. Ein bekanntes Beispiel stellt die
Tatsache dar, daß der „typische“ Herzinfarktschmerz mit zunehmendem Alter nur
noch selten auftritt. Dafür wird die Herzrhythmusstörung zum führenden Symptom
des Ereignisses. Daß hierdurch diagnostischen Irrwegen Tür und Tor geöffnet
sind, ist offensichtlich.
Störungen der Kommunikation durch kognitive Einschränkungen, zum Beispiel bei der Demenz, spielen mit zunehmendem Alter eine immer größere Rolle. Bereits die Schmerzaussage bereitet Probleme. Was bedeutet es beispielsweise, wenn ein dementer Patient Schmerzen äußert? Es könnte sich auch um einen Kommunikationsersatz handeln. Wie sieht die Erfolgskontrolle bei solchen Patienten aus? Besteht zusätzlich eine Depression oder eine andere Erkrankung, welche die Demenz verstärkt? Vor allem die Früherkennung der dementiellen Prozesse beim betagten Schmerzpatienten verhindert frustrane und für den Patienten frustrierende, weil erfolglose Therapieversuche.
Die Besonderheiten des älteren Patienten machen eine andere Auseinandersetzung mit dem Schmerz notwendig. Der Arzt kann organische und technische Untersuchungsbefunde häufig nicht mehr wie gewohnt einordnen. Er ist auf zusätzliche Informationen aus dem häuslichen Umfeld angewiesen. Außerdem muß sich seine Diagnostik in zunehmendem Maße auf funktionelle Störungen beziehen, die sowohl Ursache als auch Ausdruck von Schmerzen sein können.
Dies bedeutet auch, daß Ärztinnen und Ärzte beim älteren Schmerzpatienten in zunehmendem Maße auf das Know-how anderer Berufsgruppen wie der Kranken- und Altenpflege, der Krankengymnastik oder der Ergotherapie zurückgreifen müssen. Auch die Neuropsychologie spielt bei der richtigen Einordnung des Symptoms Schmerz und seiner Behandlung eine wichtige Rolle.
Die
Therapie der Schmerzen älterer Menschen unterscheidet sich von den Methoden her
nicht wesentlich von der jüngerer Patienten. Allerdings besteht ein erheblicher
Anpassungsbedarf an die beschriebenen Besonderheiten betagter Patienten.
5
Säulen der Schmerztherapie:
·
medikamentös
systemische Behandlung : sie umfaßt alle zentral oder peripher blockierenden
Substanzen bis hin zu den Opiaten
·
lokale
Schmerzblockade : Hierher gehören abladierende operative Verfahren
ebenso wie die Therapie mit Lokalanästhetika.
·
physikalisch
medizinische Behandlung : sie subsumiert die eigentliche physikalische
Therapie, die Krankengymnastik und die Ergotherapie
·
psychotherapeutische
Behandlung : sie dient vor allem der Veränderung der Schmerzwahrnehmung und
Verarbeitung
·
Kurative oder
palliative operative Behandlung
Die
medikamentös systemische Behandlung richtet sich heute sinnvollerweise nach dem
Stufenschema der WHO. Der gestaffelte
Einsatz von den Nicht-Opioid-Analgetika über niederpotenten Opioide bis hin zu
den Opiaten, in Verbindung mit oder ohne Antidepressiva und komplementären
Verfahren hat sich bewährt. Allerdings orientiert sich besonders beim älteren Menschen die
Schmerztherapie noch viel zu selten daran. Vor allem die Opiate werden selten
eingesetzt. Der Hauptgrund liegt sicher in der Angst vor diesen Stoffen – und zwar
sowohl beim Patienten als auch beim Arzt. Mangelnde Kenntnis der Wirkungen und
Nebenwirkungen, erschwerte Verordnung und fehlende Erfahrungen auch mit
hochdosierten Schmerzmitteln begründen diese Ängste.
Berechtigt
ist die Vorsicht aufgrund der erhöhten Nebenwirkungsrate gerade bei den NSAR.
Weil vermeintlich wenig gefährlich werden sie häufig eingesetzt. Unkritischer
Umgang von Seiten des Patienten und oft geringe Kontrolle durch den Arzt begründen
vor allem Nebenwirkungen aufgrund der altersassoziierten Schleimhautatrophie im
Gastro-Intestinaltrakt.
Sehr
wichtig ist es aber auch, auf die Nebenwirkungen zu achten, welche die soziale
Kompetenz des Patienten bedrohen. Als Beispiel stehe hier die zentrale Dämpfung
beispielsweise auch durch niederpotente Opioide, wodurch die Mobilität
vermindert und die Sturzgefahr erhöht werden.
·
Schnelle
Konzentration hydrophiler Substanzen (Morphin)
·
Erhöhte Konzentration
lipophiler Substanzen
·
Langsamere
Verstoffwechselung in der Leber
·
Langsamere Ausscheidung
über die Nieren
·
Gesteigerte
Empfindlichkeit gegenüber anticholinergen Substanzen
·
Gesteigerte
Empfindlichkeit gegenüber zentral wirksamen Substanzen
Die
lokale medikamentöse und/oder operative Schmerzblockade kennt dieselben
Indikationen wie beim jüngeren Patienten. Allerdings muß bei den medikamentösen
Blockaden berücksichtigt werden, daß häufig nur vorübergehende Effekte erzielt
werden können, weil die behandelten Strukturen bereits zuvor irreversibel
geschädigt waren.
Eine
besonders gut verträgliche Therapie für ältere Patienten stellen die
physikalisch medizinischen Verfahren dar. Das liegt zum einen an ihrer geringen
Nebenwirkungsrate, zum anderen daran, daß nur mit den vorhandenen körperlichen
Reserven des Patienten gearbeitet wird, Überforderungen folglich die Ausnahme
darstellen. Die Elektrotherapie, Thermotherapie und die Hydrotherapie stellen
neben den manuellen Verfahren die hauptsächlich verwendeten Methoden dar. Die
Krankengymnastik und die Ergotherapie behandeln die motorischen und
funktionellen Defizite. Da diese nicht nur beim älteren Patienten oftmals
Schmerzauslöser sind, handelt es sich um kausale Therapien. Schließlich spielen
auch die roborierenden Verfahren, insbesondere die Verfahren nach Kneipp in der
Schmerztherapie des Älteren eine große Rolle.
Verluste
der körperlichen Fähigkeiten, das Abbröckeln des sozialen Umfeldes und das
weitverbreitete Defizitmodell des Alters in den Köpfen der Betroffenen
verstärken Schmerzen. In der Veränderung der Schmerzwahrnehmung und in der
Verarbeitung von Schmerzen sowie bei den Entspannungsverfahren liegen die
Indikationsschwerpunkte psychotherapeutischer Verfahren auch im Alter.
Selten
können beim Betagten Schmerzen kausal behandelt werden. Die operativen Verfahren
bieten in manchen Fällen diese Möglichkeit. Insbesondere der Bereich der
Endoprothetik kann dem betagten Patienten ganz neue Perspektiven eröffnen. Eine
schwere Cox- oder Gonarthrose beispielsweise läßt sich konservativ nicht ausreichend
behandeln. Operativ dagegen kann inzwischen bei beiden Gelenken oft bis ins
hohe Alter interveniert werden. Der Gewinn an Lebensqualität ist mit keinem
anderen Verfahren erreichbar. Die Frage, was bei vor allem hochbetagten
Patienten noch
operiert
werden soll, wäre falsch gestellt. Indikation, Wille des Patienten und schließlich
Belastbarkeit für Narkose und Operation sollten die entscheidenden Kriterien
sein. Allerdings muß hier für die Indikation Schmerz sicher eine hohe Hürde
angelegt werden.
Eine
erschreckende Tatsache deckten Bernabei et al. 1995 auf, als sie in einer Studie
zeigen konnten, daß neben den Angehörigen von Minderheiten vor allem betagte
Schmerzpatienten in der Regel keine ausreichende Schmerztherapie
erhielten. Viele Gründe dafür sind
oben bereits erwähnt worden.
Schmerzen
im Alter richtig zu behandeln ist kein Problem des Alters. Es gilt vielmehr,
die altersspezifischen Veränderungen sowohl in die Diagnostik einfließen zu
lassen, als sie auch in der Therapie zu berücksichtigen. Die eigentliche Herausforderung
besteht folglich darin, alte und hochbetagte Menschen überhaupt als
Schmerzpatienten zu erkennen und sie entsprechend dieser Erkenntnis ausreichend
zu behandeln.